Faktor-ETFs — Mehr Rendite durch systematische Faktoren?
Value, Small Cap, Momentum, Quality und Low Volatility: Die fuenf Faktoren die laut Kapitalmarktforschung langfristig mehr Rendite bringen sollen.
Faktor-ETFs sind eine Stufe komplexer als ein einfacher MSCI-World-Sparplan — und für erfahrene Anleger mit langen Zeithorizonten potenziell eine Möglichkeit, die Rendite zu verbessern. Aber sie haben ihre Tücken: Faktoren können jahrzehntelang underperformen, und viele Anleger geben genau dann auf wenn es wieder bergauf gehen würde.
Was sind Faktoren?
In der Kapitalmarkttheorie sind "Faktoren" systematische Eigenschaften von Aktien die langfristig mit höheren (oder niedrigeren) Renditen verbunden sind. Der Nobelpreisträger Eugene Fama und Kenneth French haben diese Idee populär gemacht. Ihr ursprüngliches 3-Faktoren-Modell ergänzte den Marktfaktor um Size (Unternehmensgröße) und Value (Bewertung).
Heute sind fünf Faktoren wissenschaftlich am besten dokumentiert:
Die fuenf wichtigsten Faktoren
| Faktor | Beschreibung | Messgröße | Historische Überrendite p.a. |
|---|---|---|---|
| Market (Beta) | Aktienmarkt allgemein | — | Basisrendite (~7%) |
| Value | Günstig bewertete Aktien | KBV, KGV | ca. 2-4% über Markt (historisch) |
| Size (Small Cap) | Kleine Unternehmen | Marktkapitalisierung | ca. 1-3% |
| Momentum | Starke Kursbewegungen | 12-Monats-Return | ca. 3-5% |
| Quality | Profitable, stabile Unternehmen | ROE, Verschuldung | ca. 1-2% |
Value: Guenstige Aktien kaufen
Der Value-Faktor basiert auf der Beobachtung dass günstig bewertete Aktien (niedriges KGV, KBV) langfristig besser abschneiden als teuer bewertete. Die Erklärung: Günstige Aktien sind häufig Unternehmen in vorübergehend schwierigen Phasen — wer durchhält, wird belohnt.
Problem: Value hat von 2007 bis 2022 massiv underperformt. US-Wachstumsaktien (FAANG) liefen einfach viel besser. Wer in dieser Zeit Value-Faktor-ETFs hielt, brauchte starke Nerven.
Small Cap: Kleine Unternehmen, höheres Risiko
Kleine Unternehmen haben historisch höhere Renditen als Großkonzerne erzielt — aber auch höhere Volatilität und schlechtere Liquidität. In der Praxis: Ein MSCI-World-Small-Cap-ETF ergänzt das Portfolio um Unternehmen die im Standard-MSCI-World nicht enthalten sind.
Gerd Kommer empfiehlt ca. 10-30% Small Cap als Beimischung. Konkret: iShares MSCI World Small Cap (IE00BF4RFH31), TER 0,35%.
Momentum: Gewinner kaufen
Aktien die in den letzten 12 Monaten stark gestiegen sind, steigen statistisch auch in den nächsten Monaten weiter — bis sie abstürzen. Der Momentum-Faktor hat die höchsten dokumentierten Überrenditen, aber auch das höchste Crash-Risiko: Bei Trendwenden bricht Momentum-Strategie brutal ein.
Für passive Altersvorsorge ist Momentum-ETF kaum geeignet. Zu hohe Transaktionskosten durch häufiges Rebalancing, zu hohes Drawdown-Risiko.
Quality: Profitable Unternehmen
Quality-Faktor bevorzugt Unternehmen mit hoher Eigenkapitalrendite, stabilen Gewinnen und niedriger Verschuldung. Logisch attraktiv und relativ "defensiv" — in Krisen halten sich Quality-Aktien oft besser als der Markt.
iShares Edge MSCI World Quality Factor (IE00BP3QZ825): TER 0,30%. Gute Option als Beimischung für konservativere Anleger.
Multi-Faktor-ETFs: Alles in einem
Statt mehrerer Faktor-ETFs gibt es Multi-Faktor-ETFs die Value + Quality + Momentum kombinieren. Beispiel: iShares Edge MSCI World Multifactor (IE00BZ0PKT83). TER 0,50%. Der Vorteil: Einzelfaktoren korrelieren negativ — wenn Value underperformt kann Momentum gut laufen.
Risiken und Grenzen von Faktor-ETFs
Factor Crowding: Wenn zu viele Anleger dieselben Faktoren kaufen, werden die Prämien aufgezehrt.
Lange Underperformance: Value hat 15 Jahre underperformt. Hälst du das durch?
Höhere Kosten: Faktor-ETFs kosten 0,25-0,50% TER statt 0,07-0,20% beim MSCI World.
Komplexität: Mehr ETFs = mehr Rebalancing = mehr steuerliche Ereignisse.
Für wen sind Faktor-ETFs sinnvoll?
- Anleger mit Anlagehorizont über 20 Jahre
- Menschen die ein gut laufendes Basis-Depot (MSCI World) bereits haben und ergänzen wollen
- Wer Fama-French-Forschung versteht und emotional stabil bei Underperformance bleibt
Nicht sinnvoll: Als Einsteiger, mit weniger als 10 Jahren Horizont, oder wenn man den MSCI World noch nicht vollständig versteht.
Fazit: Basis zuerst, Faktoren optional
Faktor-ETFs sind kein Geheimtipp der alle reich macht. Sie sind ein Werkzeug für fortgeschrittene Langfristanleger die systematisch diversifizieren wollen. Die meisten Anleger sind mit einem einfachen MSCI World oder FTSE All-World besser bedient — weniger Kosten, weniger Komplexität, ähnliche Rendite. Faktor-ETFs erst wenn das Basis-Depot steht und man wirklich verstanden hat was man kauft.
Häufige Fragen
Welche ETFs eignen sich für das Altersvorsorgedepot?
Empfohlen: Breit diversifizierte ETFs auf MSCI World (1.500 Unternehmen), FTSE All-World (3.000+ Unternehmen) oder MSCI ACWI. TER unter 0,30%, UCITS-konform, thesaurierend für maximalen Zinseszins. Kostengünstigste Option: Amundi MSCI World ab TER 0,07%.
Wie viel sollte ich monatlich einzahlen?
Für die volle Grundzulage (540 EUR/Jahr): mind. 150 EUR/Monat einzahlen. Steuerlicher Sonderausgabenabzug bis 1.800 EUR/Jahr = max. 250 EUR/Monat. Mit Kinderzulage: entsprechend höher. Auch 50 EUR/Monat sind besser als nichts.
Was ist der Zinseszins-Effekt?
Renditen werden wieder angelegt und erzielen selbst Renditen. Beispiel: 150 EUR/Monat, 7% p.a. über 35 Jahre = ca. 207.000 EUR. Davon eingezahlt: nur 63.000 EUR. Der Zinseszins macht den Grossteil aus. Je früher starten, desto größer der Effekt.
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